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Kontaktaufnahme von Gott zu Mensch

Jeder Mensch, auch der vermeintlich gottlose Atheist, kennt die Kontaktaufnahme von Mensch zu Gott, wenn nämlich der Mensch in Not gerät, die sein Leben bedroht oder das von denen, die er liebt.  Dann entringt sich auch dem Atheisten, schneller als er denken kann, ein Stoßseufzer an eine numiose Dimension, denn wer weiß, vielleicht gibt es Gott ja doch.  Entspannt sich die Lage auf die eine oder andere Weise, so kehrt er in der Regel zurück zu seinem atheistischen Denken, oder aber, er nimmt die Rettung zum Anlass für einen Kurswechsel seines weltbildlichen Denkens, vielleicht aus Dankbarkeit, oder weil sich sein Bedürfnis plötzlich gewandelt hat, jedenfalls sind auch Atheisten in der Lage, sich aktiv einem fiktiven Gott zuzuwenden, auch wenn sie seine Existenz vorher negiert hatten.

Das Verhältnis des Menschen zu Gott ist jedenfalls wandelbar, weshalb man nie sicher vorhersagen kann, was man am Ende seines Lebens glauben wird oder auch nicht.  Natürlich gibt es mindestens genauso oft den umgekehrten Fall, dass nämlich ein Mensch gottbezogen aufwächst, dann aber seine erwachsenen Erkenntnisse nicht mehr vereinbaren kann mit seinem früheren Glauben und deshalb atheistisch wird. Sicher ist nur, dass die Ansprechbarkeit des Menschen für ein höheres Wesen variabel ist je nach biographischem Werdegang und dass der Mensch es keineswegs immer selbst in der Hand hat, wohin ihn sein Schifflein führt.  Jedenfalls ist es erstaunlich, wie wandelbar gerade diese Seite des Menschen doch ist, wo man eigentlich annehmen sollte, dass sie stabiler sein müsste.  Es gibt zahllose weltberühmte Beispiele für den einen oder anderen Verlauf, wie zum Beispiel die Wandlung des Saulus zum Paulus, oder Darwins Abfall vom Glauben, nachdem er die Evolutionstheorie entwickelt hatte.  Während letzteres für jeden relativ leicht nachvollziehbar ist, ist die Paulus-Geschichte für einen Areligiösen nur schwer vorstellbar.  Eine Kontaktaufnahme aus der spirituellen Dimension, und dann noch verbal, ob da nicht ein überhitztes Gemüt im psychiatrischen Sinne dahinter gesteckt hat?  Tatsächlich gibt es viele Geschichten dieser Art, wo ein vormals vermeintlich rationaler Mensch ein Erweckungserlebnis spiritueller Natur erlebt, womit er vorher nicht gerechnet hatte.  Meist enden diese Dinge unspektakulär in einer weltbildlichen Gesinnungsumkehr, die ganz im Stillen vollzogen wird und eine eher unauffällige Verhaltensänderung des Betroffenen nach sich zieht hin zur altruistischen Verantwortungsübernahme für das mitmenschliche Umfeld des Erweckten.

Während die nonverbalen Kontaktaufnahmen aus der spirituellen Dimension hin zum Menschen recht häufig sind, kommen die verbalen deutlich seltener vor.  Nonverbale Erweckungserlebnisse rühren die Emotionalität des Menschen auf einer sehr tiefen Ebene an, die im normalen Alltagsleben so nicht spürbar wird.  Der Mensch weiß sich dann sofort mit einer spirituellen Dimension verbunden, was ihn beglückt, ohne ihm jedoch sofort eine verbale Beauftragung zu übermitteln.  Verdichtet sich die so aufgewühlte Emotionalität zu inneren Bildern oder zu Worten, so weiß der Mensch, dass er tätig werden muss im Sinne einer verbalen Beauftragung.  Der so angerührte Mensch weiß, dass es kein Auskommen mehr gibt und er sich zur Verfügung stellen muss, was immer seine Aufgabe sein wird.  Die spirituelle Literatur ist voll von Geschichten dieser Art.

In jedem Menschen ist eine Sehnsucht nach spiritueller Erfüllung angelegt, die bei seelisch jugendlichen Menschen gerne als Ekstaseerlebnis ausgelebt wird.  Man möchte seine Grenzen spüren, den ultimativen Kick erleben, ja, aber warum?  Der Mensch trägt eine Ahnung in sich, dass sich hinter seinem Alltagsbewusstsein eine spirituelle Dimension verbirgt, die sich ihm vielleicht in der Ekstase öffnen und erschließen lässt.  Deshalb sucht er Grenzsituationen, die ihn hinweg tragen über die Begrenztheit seines rationalen Bewusstseins, das sich der spirituellen Berührung in den Weg zu stellen scheint.

Solange ein Mensch jung oder bar von belastenden Schicksalserfahrungen ist, genügt ihm die oben beschriebene ekstatische Ebene der spirituellen Begegnung.  Je unbekümmerter der Betroffene ist, desto weniger neigt er dazu, sein Erleben mit einer spirituellen Begegnung gleichzusetzen.  Erst wenn Reifung eintritt durch schicksalhaftes Erleben, sei es eigene Erkrankung, oder die eines geliebten Menschen oder gar dessen Tod, dann wandelt sich die Bedürftigkeit des ehemals Abenteuer suchenden Menschen, er wird mehr und mehr zum spirituell Suchenden, weil er die Ernsthaftigkeit der spirituellen Begegnung braucht.