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Ein Seelenspiegel zwischen Selbsterkenntnis und Gotterkenntnis

Der Mensch liebt sich am meisten von seiner Schokoladenseite, wobei die meisten Menschen tatsächlich eine passable Vorzeigefassade vorweisen können, unter der man sich unbesorgt präsentieren kann.  Ehrliche Zeitgenossen wissen, dass unter der Vorzeigeoberfläche schon mal gerne auch weniger schöne Zuge ihr Schattendasein fristen, kein Mensch ist frei von so etwas, nur gibt es niemand so gerne direkt zu.  Obwohl jeder weiß, dass dieses Phänomen nur allzu menschlich ist.  „Nobody ist perfect“, dieser Spruch ist siegreich um die Welt gezogen, nur so ganz genau möchte man es dann auch wieder nicht wissen.

Geht der Mensch zum Astrologen, so erwartet er Ermutigung, Unterstützung und allenfalls Warnungen, man möge sich vor diesem oder jenem in acht nehmen, was unterwegs an Unbill auf einen lauert.  Aber direkte Kritik ist eigentlich unerwünscht, wird nicht angestrebt und dementsprechend nicht erwartet.  Die gängigen astrologischen Interpretationssysteme respektieren dieses Begehren ihrer Kundschaft und haben sich darauf eingerichtet, diese eher zu befriedigen als zu verunsichern, weil narzisstische Bestätigung sich leichter verkauft als unerwünschte Enthüllung.

Mitten in diese behagliche Beschaulichkeit meldet sich nun unverhofft ein neuartiges Deutungssystem für Radix-Horoskope zu Wort, das in seiner unverblümten Direktheit den üblichen Weichspülgang verweigert und charakterliche Wahrheiten widerspiegelt, die der Mensch nicht unbedingt so deutlich ausgesprochen haben möchte.  Das Produkt nennt sich „Tierkreispsychogramm“ und arbeitet, wie der Name schon andeutet, nach der Tierkreispsychologie, erarbeitet von einer praktizierenden Hausärztin, – das bin ich – die ihre vielen Menschenbegegnungen  in einem hoch inspirierten, psychologisch formulierten Resümee zusammenfasst, nämlich in der Tierkreispsychologie.

Ein unverkennbares Unterscheidungsmerkmal gegenüber den gängigen Deutungssystemen ist die thematische Einbeziehung der sonst leeren Tierkreisgrade, von denen alle 360 gekennzeichnet sind mit knappen psychologisierenden Aphorismen.  Letztere sind in ihrem Aussagegehalt entweder neutral, oder positiv anerkennend,  oder, was sie im Erkennungswert deutlich erhöht, leidvoll im Erlebniswert oder tendenziös kritisch.  Kritik aber schätzt der Mensch nicht, weil sie unbequem ist und Verdrängungen aushebelt, geschmeichelt werden ist netter.

Das mag ja alles angehen, was aber abweichend ist vom gewohnt unscharfen Stil der gängigen astrologischen Formulierungen, ist die Treffsicherheit, mit der tendenziös kritische Etikettierungen verteilt werden, immer in ausgewogener Mischung mit Positivaussagen, so dass niemand einseitig  negativ beurteilt wird.  Der Verblüffungseffekt aber übertrifft die gewohnten astrologischen Analysen um Längen, zumal man überhaupt nicht damit rechnet, ungewohnt  präzise psychologische Beschreibungen des eigenen typischen Verhaltens präsentiert zu bekommen.  Die Treffsicherheit des neuartigen Spiegels ist oft so hoch, dass man sich überlegen muss, ob man so eine unverblümte Analyse des eigenen psychologischen Verhaltens nicht lieber unter Verschluss halten möchte. Man ist unsicher, wie man mit der ungewohnten Intimität dieses Persönlichkeitsspiegels umzugehen hat.

Bleibt nur noch die Frage, wer sich denn verbirgt als Urheber eines solchen Systems,  das in seiner psychologischen Treffsicherheit alle bekannten Altsysteme übertrifft, man muss ihm eine fast unheimlich anmutende  Hellsichtigkeit zugestehen.  Ein Mensch kann es nicht sein, darüber braucht man nur kurz nachzudenken, dann wird jedem  klar, wo die Grenzen menschlicher Erkenntniskraft liegen.  Wenn also kein Mensch, dann muss es ein alles überblickender Übergeist sein, einer, der vorher sehen kann, zu welchem Zeitpunkt welche Charaktere geboren werden, die in ihren Lebensthematiken und typischen Verhaltensweisen zur Zeitqualität ihrer Geburtsminute passen.  An dieser Stelle eröffnen sich dem nachdenklichen Beobachter ganze Dimensionen philosophischer Reflexionen zum Thema Determination einerseits und Existenz eines waltenden Gottes andererseits.  Das neuartige System ist geeignet, die These von der Existenz Gottes logisch zu untermauern.