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Atheismus oder Gottbezogenheit

Religiosität ist ein zutiefst menschliches Phänomen, das es in der Tierwelt so nicht gibt.  Warum Religiosität im Sinne von Ansprechbarkeit für eine höhere Macht innerhalb der Menschheit so unterschiedlich verteilt ist, bleibt ein Geheimnis.  Der rationale Mensch glaubt zwar, er könne selbst entscheiden, ob er sich zu Gott oder lieber zum atheistisches Denken bekennt, aber da täuscht er sich gewaltig.  Der Atheist kann sich nur nicht vorstellen, aus seinem Inneren heraus eine ganz persönliche Begegnung mit einer spirituellen Dimension zu haben, so etwas kommt in seinem Erlebnisspektrum nicht vor, wodurch ihm die Entscheidung für den Atheismus leicht wird, er kennt ja nichts anderes.

Nun sind Biografien diesbezüglich keineswegs homogen im Erlebniswert, manche Menschen beginnen ihr Leben in religiöser Gestimmtheit und reifen dann zu einer atheistischen Überzeugung heran, weil ihre religiösen Gefühle aus der Kindheit dem Ansturm der Lebenserfahrungen nicht haben standhalten können.  Andere erleben das Gegenteil, sie wachsen in einem mehr oder weniger unbewussten Atheismus heran und werden dann irgendwann mit einer Erweckungserfahrung  konfrontiert, welche immer einen bestimmenden Einfluss auf ihre Lebensausrichtung nimmt.  Erweckt wird man nicht, um dann genauso weiterzumachen wie vorher, sondern um eine weltbildliche Richtungsänderung zu vollziehen, die meist auch äußerliche sichtbare Kurskorrekturen im Lebenswandel nach sich zieht.

Der Begriff „Religiosität“ ist natürlich nur sehr unscharf gefasst, denn die Ausprägungsformen dieser seelischen Gestimmtheit könnten nicht vielfältiger sein als das Zustandsbild auf Erden.  Es gibt tatsächlich zahllose religiöse Untergruppierungen innerhalb der überschaubaren Weltreligionen, die alle denselben Anspruch erheben, nämlich die einzig wahrhaftige Religionslehre zu vertreten.  Genau dieses Phänomen ist ein sicherer Hinweis dafür, wie viele unterschiedliche Binnenimpulse religiösen Ursprungs es geben muss, gemessen an der Vielfalt der religiösen Lehren.  Nun ist hinlänglich bekannt, dass der Absolutheitsanspruch einer Religionsgemeinschaft umso höher ist, je naiver der Inhalt sich formuliert.  Es sind immer die fundamentalistischen Strömungen innerhalb einer Religionslehre, welche Alleinvertretungsanspruch für sich reklamieren, während die mehr liberalen Interpretationen eher die intellektuell Ausgebildeten anziehen und sammeln.

Inspirierte Religiosität ist ein schillerndes Phänomen, weil die Projektionsfläche für inspiriert empfangene Impulse dieselbe ist wie die für krankmachende Binnenimpulse, der Mensch hat nur eine solche, und wenn er eine kranke – psychiatrische Veranlagung – hat, projizieren sich diesbezügliche Impulse auf eben derselben Projektionsfläche.  Es gibt von außen praktisch keine Möglichkeit der qualitativen Unterscheidung solcher Binnenimpulse, und der betroffene Mensch selbst kann eine saubere Unterscheidung nur treffen, wenn er psychisch gesund ist.  Hier liegt die eigentliche Crux der inspirativ empfangenen Religiosität, dass die Grenze zwischen psychiatrischem Wahn und „echtem“ Angesprochensein sich ganz leicht verwischt. Das einzig sichere Kriterium ist die sinnvolle Einsetzbarkeit eines solchen Betroffenen in gesellschaftliche Zusammenhänge.  Wer unbeirrbar seinen Job macht, seine Familie betreut und auch sonst eine vernünftige gesellschaftliche Verwendbarkeit an den Tag legt, muss wohl als „gesund religiös“ einzustufen sein, während der unvernünftige, nicht integrierbare  Fanatiker immer  gefährdet ist, die Grenze zum psychiatrischen Kranksein überschritten zu haben.

Leider versagen alle moralischen Kriterien bei dieser Unterscheidung, weil Fanatismus keine Moral kennt, nur Selbstüberschätzung.  Es gibt zahllose Beispiele für vermeintlich religiös  motivierte Aktivisten, die ihr fanatisch überhöhtes Ziel über alle Menschenrechte Anderer setzen und sich auch noch im Recht glauben.  Fanatismus ist eine dem religiösen Impuls nahe stehende Binnenkraft, die sich über jegliche Vernunft hinwegsetzt, um ihre Überzeugung durchzupowern, ohne in der Lage zu sein, das Aktionsziel einer am Gemeinwohl orientieren Qualitätskontrolle zu unterziehen, wie es der „gesund“ Religiöse jederzeit vermag und tut.

Verfolgt man die Geschichte der Religiosität, so stößt man ganz schnell auf einen sich immer wiederholenden Erfahrungswert, der den Menschen vom Tier unterscheidet.  Der Mensch hat Sehnsucht nach der Transzendenz, er sucht etwas, das eine Dimension in ihm anzurühren vermag wie sonst kein weltliches Geschehen, nämlich die Erfahrung der weihevollen Gefühle, die sein Herz tief berühren und seine Tränen aufsteigen lassen, ohne dass er diesem Einhalt gebieten kann.  Dieses Erleben ist stärker als alles andere, was der Mensch sonst noch kennt.  Es ist auslösbar in sehr vielen Lebensbereichen und erstreckt sich vom Ergriffensein durch Naturwahrnehmung, bis hin zu kosmischen Verschmelzungserlebnissen, über tiefe Gefühlserfahrungen mit einem anderen Menschen, bis zur Anrührung durch Kunst, insbesondere durch Musik,  wie man sie im Konzert oder in der religiösen Gemeinsamkeit erleben kann.  Dieses Erleben ist im letzten Sinne immer singulär, weil die Anrührung des eigenen Herzens nicht mehr vermittelbar ist, nicht übertragbar, nur einen selbst betrifft. Eine tiefe Erfahrung dieser Art öffnet immer einen stillen Raum nach innen, der einer Begegnung gleichkommt mit einer Dimension oder einem höheren Sein, das man bislang nicht kannte und das den Menschen auf sein Einzelsein reduziert, wobei dieser seine Zugehörigkeit zu einer spirituellen Dimension gerade erstmalig richtig wahrgenommen hat.

Menschen mit dieser Erfahrungsqualität sind nicht mehr einzufangen in enge religiöse Regeln und Fesselungen, sie scheren sich nicht mehr an fundamentalistischen Forderungen, sind deshalb für autoritäre Religionsgemeinschaften und Kirchenhierarchien nicht mehr zu gebrauchen.   Sie gehen unbeirrbar ihre eigenen Wege, immer auf der Suche nach dem inneren Raum, ihrer Inspiration folgend, welches der Begegnung mit der Transzendenz oder mit Gott gleichkommt, eine hohe Stufe erlebter Spiritualität.  Leider gibt es auch in diesem Metier schwarze Schafe, welche von sich behaupten, Gott begegnet zu sein, dabei trotzdem am eigenen Machtzuwachs orientiert handeln.  Die Echtheit der Gottesbegegnung darf man hier getrost anzweifeln.